Das end­gül­tige Aus einer kri­ti­schen Sozi­al­wis­sen­schaft — Pres­se­mit­tei­lung vom 22.01.2014

Nach 5 Jah­ren Gna­den­frist wird die Sozi­al­psy­cho­lo­gie, deren Ein­spa­rung schon for­mal im Jahr 2008 beschlos­sene Sache war, nun end­gül­tig aus dem aka­de­mi­schen Betrieb der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver ver­schwin­den. Der Ver­trag von Prof. Dr. Rolf Pohl wird nach 33 Jah­ren uni­ver­si­tä­rer Zeit­ver­träge nicht mehr ver­län­gert. Dies geschieht aber nicht etwa, weil er nun in einen ver­dien­ten Ruhe­stand ver­ab­schie­det wird, son­dern weil die von Stu­die­ren­den­pro­tes­ten im WS 08/09 erkämpfte Legi­ti­ma­tion sei­ner Stelle weg fällt: 10 Semes­ter lang sollte Rolf Pohl die Stu­die­ren­den, die sich noch im Magis­ter­stu­di­en­gang Sozio­lo­gie bzw. Diplom­stu­di­en­gang Sozi­al­psy­cho­lo­gie befan­den abwi­ckeln. Nach nicht ein­mal der Hälfte der Zeit beka­men schon seine wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter Jan Lohl und Sebas­tian Win­ter keine wei­te­ren Arbeits­ver­träge mehr, sodass Rolf Pohl bald mit der Sozi­al­psy­cho­lo­gie allein da stand.

Diese Ent­wick­lung zeigt, dass das Inter­esse der Stu­die­ren­den an die­ser wis­sen­schaft­li­chen Fach­rich­tung noch nie ernst genom­men wurde. Bis zum heu­ti­gen Tag sind die Ver­an­stal­tun­gen von Rolf Pohl über­durch­schnitt­lich gut besucht, ins­be­son­dere auch von Stu­die­ren­den, die nicht auf Punk­te­jagd sind, son­dern die am Inhalt der Semi­nare inter­es­siert sind. Neben der eigent­li­chen Auf­gabe hat Rolf Pohl auch stets eine Viel­zahl von Ver­an­stal­tun­gen für die Bache­lor– und Mas­ter­stu­di­en­gänge wie Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Poli­tik­wis­sen­schaf­ten und Son­der­päd­ago­gik ange­bo­ten. Dar­über hin­aus sei noch kurz erwähnt, dass sich der­zeit noch gut 50 Diplom­stu­die­rende im lau­fen­den Prü­fungs­ver­fah­ren befinden.

Dass die Abschaf­fung einer Fach­rich­tung, die sich mit den grund­sätz­li­chen Fra­gen nach dem „Warum“ in der Gesell­schaft aus­ein­an­der setzt, hoch pro­ble­ma­tisch ist zeigt sich der­zeit in aller Härte: Stu­die­rende und Leh­rende der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät sind nicht in der Lage ihre Emo­tio­nen und Affekte, bzw. ihren pro­jek­ti­ven Umgang mit poli­ti­schen Akteur_innen, die sich jen­seits der akzep­tier­ten Volks­par­tei­mei­nun­gen bewe­gen, zu reflek­tie­ren. Statt­des­sen kön­nen sie eine über­aus aus­sa­ge­kräf­tige Sta­tis­tik anfer­ti­gen, die zeigt wie viele es von sol­chen Men­schen an der Uni gibt, und wel­ches durch­schnitt­li­che Alter, Geschlecht und Fach­se­mes­ter diese als Eigen­schaft auf­wei­sen. Äußerst pein­lich für die Phi­lo­so­phi­sche Fakul­tät und die gesamte Uni­ver­si­tät ist auch der aktu­elle Bericht der nie­der­säch­si­schen Wis­sen­schafts­kom­mis­sion zur Geschlech­ter­for­schung1, in dem es heißt:

„Nach dem Aus­schei­den zahl­rei­cher akti­ver und pro­mi­nen­ter Frau­en­for­sche­rin­nen, die die Geschlech­ter­for­schung zu einem über­re­gio­nal bekann­ten Schwer­punkt in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten der Uni­ver­si­tät gemacht hat­ten, war die Ent­wick­lung in die­sen Berei­chen rück­läu­fig. Einer­seits hät­ten externe Zwänge Ein­spa­run­gen und damit ver­bun­dene Schwer­punkt­ver­schie­bun­gen in den Sozial– und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten erfor­der­lich gemacht, die zu Umwid­mun­gen eini­ger Pro­fes­su­ren und in der Folge zu einer rück­läu­fi­gen Frauen– und Geschlech­ter­for­schungs­struk­tur in die­sen Fächern geführt haben .“

Nach­dem nicht nur die Frauen– und Geschlech­ter­for­schung rück­läu­fig war, ent­schied sich die Basis­de­mo­kra­ti­sche Fach­schaft Sozi­al­wis­sen­schaf­ten dazu selbst tätig zu wer­den und seit dem Som­mer­se­mes­ter 2013 einen Lek­tü­re­kurs, der sich bis­lang mit Wer­ken der kri­ti­schen Theo­rie beschäf­tigt hat, ins Leben zu rufen. Eine Fach­schafts­ver­tre­te­rin sagt hierzu: „In unse­rem Stu­dium gibt es kaum noch Mög­lich­kei­ten, sich kri­tisch mit The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, so dass wir beschlos­sen haben, das selbst in die Hand zu neh­men. Die erfreu­lich hohen Teilnehmer_innenzahlen, sowie die rege Dis­kus­si­ons­kul­tur bestä­ti­gen uns in unse­rem Anlie­gen.“ Ein wei­te­rer Stu­dent ergänzt: „Bestärkt wur­den wir auch hier von Rolf Pohl, der für uns die Schirm­herr­schaft trägt, und uns dadurch den Cha­rak­ter einer ordent­li­chen Lehr­ver­an­stal­tung mög­lich macht – es kön­nen Punkte für die Teil­nahme erwor­ben wer­den und die Ver­an­stal­tung ist im elek­tro­ni­schen Vor­le­sungs­ver­zeich­nis zu finden.“

Alles in Allem ist der Ver­lust von Rolf Pohl an der Uni­ver­si­tät Han­no­ver ein her­ber Schlag für viele Stu­die­rende. Das wäre er auch in drei Jah­ren gewe­sen, aber die Art und Weise sei­nes unge­woll­ten Abschie­des trifft die Stu­die­ren­den­schaft beson­ders und lässt sie wütend und ent­täuscht zurück.

Des­we­gen stellt die Fach­schaft Sozi­al­wis­sen­schaf­ten fol­gende For­de­run­gen auf: „Wir ver­lan­gen eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung von Prof. Dr. Rolf Pohl bis zu sei­nem Ruhe­stand! Wir for­dern dar­über hin­aus dem Beschluss der Voll­ver­samm­lung vom 27.11.2013 nach­zu­kom­men und einen Lehr­stuhl für die Erfor­schung von grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät bzw. dem Insti­tut für Sozio­lo­gie ein­zu­rich­ten sowie die Gen­der Stu­dies wie­der­ein­zu­füh­ren. In Zei­ten ökono­mi­scher Kri­sen­haf­tig­keit und sozia­ler Ero­sion brau­chen wir eine kri­ti­sche Ana­lyse der Zustände, um nicht auf eine auf fal­scher Pro­jek­tion beru­hende Kata­stro­phe zuzu­steu­ern, wie es in der Ver­gan­gen­heit schon oft genug der Fall war.“

Für wei­tere Infor­ma­tio­nen kon­tak­tie­ren Sie uns gerne über mail@sowihannover.de oder wen­den sich an den AStA der Uni Han­no­ver: presse@asta-hannover.de / Tel.: 0511/7625061

1http://www.wk.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=33214&article_id=116311&_psmand=155

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