Sozi­al­psy­cho­lo­gie noch vor der Abschaf­fung abgeschafft

Bis vor zwei­ein­halb Jah­ren gehörte das Stu­di­en­fach Sozi­al­psy­cho­lo­gie zur Uni­ver­si­tät Han­no­ver. Mit der Kom­bi­na­tion aus Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Sozi­al­psy­cho­lo­gie war die Aus­rich­tung des Stu­di­en­gangs Sozi­al­wis­sen­schaf­ten in Deutsch­land ein­ma­lig.
Im Win­ter­se­mes­ter 2008/2009 wurde die Sozi­al­psy­cho­lo­gie, unter gro­ßem Pro­test der Student_innen abge­schafft. Eine Überg­angs­re­ge­lung für die nächs­ten 5 Jahre, wel­che das Fort­be­ste­hen bis zur Abwi­cke­lung der vor­an­ge­gan­ge­nen Stu­di­en­gänge sichern sollte, mil­derte damals die Pro­teste. Diese Überg­angs­zeit ist jetzt noch nicht abge­schlos­sen! Die Han­no­ver­sche Sozi­al­psy­cho­lo­gie wird mit ihrer gesell­schafts­kri­ti­schen Aus­rich­tung und psy­cho­ana­ly­ti­schen Fun­die­rung im Moment noch von den drei Dozie­ren­den Prof. Dr. Rolf Pohl, Dr. Jan Lohl und M.A. Sebas­tian Win­ter ver­tre­ten.
Zu Beginn die­ses Win­ter­se­mes­ters wurde bekannt, dass Jan Lohls Arbeits­ver­trag im März 2011 und Sebas­tian Win­ters Arbeits­ver­trag im Juli 2011 aus­lau­fen nicht mehr ver­län­gert werden.


Durch die dar­aus resul­tie­rende Mehr­be­las­tung wird Rolf Pohl ab dem Win­ter­se­mes­ter 2011 sein Lehr­an­ge­bot dras­tisch redu­zie­ren müs­sen, um die große Anzahl rest­li­cher Diplomstudent_innen, wel­che alle einen Prü­fer aus der Sozi­al­psy­cho­lo­gie benö­ti­gen oder ihre Diplom­ar­beit bei einem Sozi­al­psy­cho­lo­gen schrei­ben möch­ten, betreuen zu kön­nen.
Somit gibt es ab nächs­tem Win­ter­se­mes­ter nur noch ein extrem redu­zier­tes Ange­bot an sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Lehr­ver­an­stal­tun­gen und es ver­schwin­den alle Semi­nare in den Berei­chen der poli­ti­schen Psy­cho­lo­gie, ins­be­son­dere in den Berei­chen Inte­gra­tion und Aus­gren­zung, Sozi­al­psy­cho­lo­gie des Natio­nal­so­zia­lis­mus und sei­ner Fol­ge­wir­kun­gen, psy­cho­ana­ly­ti­sche Sozi­al­psy­cho­lo­gie und Gen­der Stu­dies.
Die Sozi­al­psy­cho­lo­gie wird damit nach einer lan­gen Tra­di­tion und gegen die Wün­sche der Student_innen bereits nächs­tes Semes­ter noch vor Ablauf einer Überg­angs­zeit wei­test­ge­hend abge­schafft. Dies bedeu­tet für Student_innen der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten aller Prü­fungs­ord­nun­gen, wel­che eine enorme Nach­frage an der Sozi­al­psy­cho­lo­gie signa­li­sie­ren, große Nachteile:

Diplom­stu­di­en­gang und Bache­l­or­jahr­gänge
mit der Prü­fungs­ord­nung 2006

Für diese Stu­die­rende ist das Recht und die Pflicht, Sozi­al­psy­cho­lo­gie stu­die­ren zu dür­fen, noch in ihrer Prü­fungs­ord­nung ver­an­kert. Noch gibt es Diplom– und dies betref­fende Bachelor-Studierende an der Uni­ver­si­tät Han­no­ver! Zum Win­ter­se­mes­ter 2011/12 ist für den letz­ten der Bache­l­or­jahr­gänge gerade mal die Regel­stu­di­en­zeit vor­bei – ohne eine Überg­angs­zeit von min­des­tens 2 Zusatz­se­mes­tern, wie dies bei­spiels­weise bei der Abwick­lung der alten Stu­di­en­gänge üblich war, um auch Stu­die­rende, die z.B. auf­grund von Aus­lands­auf­ent­hal­ten, stu­den­ti­schem Enga­ge­ment oder Neben­jobs nicht in der Regel­stu­di­en­zeit fer­tig wer­den, ein Stu­dium ohne Abstri­che zu sichern. Nächs­tes Semes­ter, wenn Jan Lohls Ver­trag enden soll, ist noch nicht ein­mal die Regel­stu­di­en­zeit abge­lau­fen – da der Stu­di­en­plan der Prü­fungs­ord­nung nicht ver­pflich­tend ist, gibt es so noch Stu­die­rende, wel­che in ihren letz­ten Semes­tern auf Sozi­al­psy­cho­lo­gie ange­wie­sen sind, um ihr Stu­dium nach ihren Inter­es­sen und Prio­ri­tä­ten been­den zu kön­nen. Nicht zu ver­ges­sen sind auch Teil­zeit­stu­die­rende, deren Regel­stu­di­en­zeit ent­spre­chend län­ger aus­ge­legt ist.

Bache­l­or­jahr­gänge mit der Prü­fungs­ord­nung 2009
seit dem Win­ter­se­mes­ter 2009/10

Für den Bache­l­or­jahr­gang 2009/10 wurde auf der Inter­net­prä­senz der Uni Han­no­ver noch mit der Sozi­al­psy­cho­lo­gie gewor­ben. Viele erfuh­ren erst vor Ort, dass sie dies nicht mehr stu­die­ren kön­nen. Auch der aktu­elle Bache­l­or­jahr­gang 2010/11 hat nach sei­ner Prü­fungs­ord­nung nicht mehr das Recht Sozi­al­psy­cho­lo­gie zu stu­die­ren.
Den­noch wurde für beide Jahr­gänge in der Ver­gan­gen­heit sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Ver­an­stal­tun­gen ange­bo­ten, sodass auch diese Jahr­gänge bei Neu­gier auf diese The­men ent­spre­chende Ver­an­stal­tun­gen besu­chen konn­ten. Dass auch bei die­sen Stu­die­ren­den eine große Nach­frage vor­han­den ist, zei­gen die Zah­len der eigens für sie ange­bo­te­nen Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tun­gen – bei­des frei zu wäh­lende Seminare:

Win­ter­se­mes­ter 2009/10
»‚School Shoo­ting‘. Zur Sozi­al­psy­cho­lo­gie des Amok­laufs«
114 bei Stud.IP ange­mel­dete Teilnehmer_innen
Win­ter­se­mes­ter 2010/11
»Indi­vi­duum, Masse, Gesell­schaft. Eine Ein­füh­rung in die psy­cho­ana­ly­ti­sche Sozi­al­psy­cho­lo­gie«
119 bei Stud.IP ange­mel­dete Teilnehmer_innen

Auch die Umfrage der „Initia­tive Bachlore­va­lua­tion“ für den Bachelor-Studiengang Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, in der 71 % der im Win­ter­se­mes­ter 2009/10 erreich­ba­ren Stu­die­ren­den die­ses Stu­di­en­gangs befragt wur­den, zeigt eben­falls ein deut­li­ches Inter­esse an der Sozi­al­psy­cho­lo­gie. Dem­nach wün­schen sich die Stu­die­ren­den ein höhe­res Lehr­an­ge­bot in Sozi­al­psy­cho­lo­gie und wol­len inter­dis­zi­pli­nä­rer stu­die­ren als sie es kön­nen (S. 4; S. 7 der Grund­aus­zäh­lung). Die Stu­die­ren­den wol­len den inter­dis­zi­pli­nä­ren Stu­di­en­gang mit den drei gleich­be­rech­tig­ten Kern­fä­chern Sozio­lo­gie, Sozi­al­psy­cho­lo­gie und Poli­tik, der ihnen durch das Insti­tut für Sozio­lo­gie ver­spro­chen wurde, auch stu­die­ren!
Die Begrün­dung für die Redu­zie­rung bis hin zur Aus­set­zung des Lehr­an­ge­bo­tes lau­tet, dass es nicht län­ger bedeu­tende Stu­die­ren­den­zah­len gäbe, wel­che ein Ange­bot bräuch­ten.
Dem wider­spre­chen wir vehe­ment! Es gibt wei­ter­hin noch Diplom– und Bacher­lor­stu­die­rende, wel­che eine Abde­ckung der Sozi­al­psy­cho­lo­gie betrifft und dar­über hin­aus noch viele neue Bache­lor­stu­die­rende, die ein gro­ßes Inter­esse daran haben, sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Ver­an­stal­tun­gen besu­chen zu können.

Wir soli­da­ri­sie­ren uns mit den Dozie­ren­den, die nun inner­halb eines (Halb-) Jah­res ihre Arbeits­stelle ver­lie­ren sol­len und wel­che sich in der Ver­gan­gen­heit auf­grund ihrer inter­es­san­ten The­men­wahl und ihrem Enga­ge­ment für Stu­die­rende gro­ßer Beliebt­heit erfreu­ten. Gene­rell kri­ti­sie­ren wir die pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nisse im aka­de­mi­schen Mit­tel­bau, wel­che oft­mals unter den unsi­che­ren Arbeits­be­din­gun­gen durch Jahre lang befris­tete Arbeits­ver­träge lei­den.
Des Wei­te­ren soli­da­ri­sie­ren wir uns mit Stu­die­ren­den aller Abschluss­ar­ten und Prü­fungs­ord­nun­gen, wel­che wei­ter­hin ihr Recht und die Mög­lich­keit wahr­neh­men möch­ten, ihr Stu­dium durch die Sozi­al­psy­cho­lo­gie zu berei­chern und ergän­zen. Wir ver­wei­sen auf das Recht der Stu­di­en­gänge bis zum Bache­l­or­jahr­gang 2008/09 und auf das breite Inter­esse aller Arten von Stu­die­ren­den.
Bereits die­ses Semes­ter gibt es Aus­wir­kun­gen der Redu­zie­rung des Lehr­an­ge­bo­tes. Diese wer­den nächs­tes Semes­ter noch deut­li­cher spür­bar, wenn Jan Lohl gehen muss und ihm im Semes­ter dar­auf Sebas­tian Win­ter fol­gen muss.
Wir kri­ti­sie­ren zudem, dass Stu­die­ren­den­pro­teste in der Ver­gan­gen­heit bei der Abschaf­fung der Sozi­al­psy­cho­lo­gie nicht erhört und die Stu­die­ren­den keine Chance hat­ten, trotz aller Ver­su­che, die Abschaf­fung zu ver­hin­dern.
Wir ver­wei­sen wei­ter­füh­rend dar­auf, dass die Auf­recht­er­hal­tung der Stel­len von Jan Lohl und Sebas­tian Win­ter keine große finan­zi­elle Belas­tung dar­stellt, da es sich bei bei­den nicht um ver­hält­nis­mä­ßig teure Professor_innenstellen son­dern um Stel­len für Lehr­kräfte für beson­dere Auf­ga­ben han­delt.
Durch eine Nicht­de­ckung grund­le­gen­der Wün­sche der Stu­die­ren­den wirkt die Erhe­bung von Stu­di­en­ge­büh­ren zur „Ver­bes­se­rung der Lehre“ umso höhnischer.

Wir leh­nen eine Abschaf­fung der Sozi­al­psy­cho­lo­gie ab und for­dern die Ver­län­ge­rung der bei­den Arbeits­ver­hält­nisse und damit eine Ver­sor­gung mit Lehr­an­ge­bo­ten, sodass das große Inter­esse der Stu­die­ren­den an der Sozi­al­psy­cho­lo­gie gedeckt wer­den kann.

Down­load­links

Offe­ner Brief zum Selbst­aus­fül­len (PDF)
Gelay­ou­te­ter Auf­ruf (PDF)

Unterzeichner_innen:

Basis­de­mo­kra­ti­sche Fach­schaft Sozi­al­wis­sen­schaf­ten
AStA Uni Han­no­ver
Fach­schafts­rat Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten
Stu­die­ren­den­rat Geschichte
Fach­schaft Son­der­päd­ago­gik
Stu­den­ti­sche Voll­ver­samm­lung der Uni­ver­si­tät Hannover

3 thoughts on “Sozi­al­psy­cho­lo­gie noch vor der Abschaf­fung abgeschafft

  1. Preis­frage: Wel­chen wich­ti­gen Aspekt haben wir ver­ges­sen bzw. bewusst ver­schwie­gen. Wel­cher Dozent im Lehr­ge­biet Psy­cho­lo­gie hat eigent­lich die größte Prü­fungs­be­las­tung?
    Es grüßt,
    Dipl. Sozi­al­wiss. Tors­ten Koch und Lehr­kraft für beson­dere Auf­ga­ben am Insti­tut für Sozio­lo­gie — Fach Sozi­al­psy­cho­lo­gie
    PPS: Mein Arbeits­ver­trag endet am 31. März 2011

  2. Guten Tag Herr Koch.

    Hier­mit neh­men wir Ihren Kom­men­tar zur Kenntnis.

    Für unan­ge­bracht hiel­ten wir Ihre Behaup­tung, wir wür­den Sie, bzw. Ihre Situa­tion, gezielt ignorieren.Unser Enga­ge­ment bezüg­lich der Sozi­al­psy­cho­lo­gie und der Dozie­ren­den Jan Lohl und Sebas­tian Win­ter kam zustande, da diverse Stu­die­rende an uns her­an­tra­ten um ihren Unmut kund­zu­ge­ben und auch einige Stu­die­rende unse­rer Fach­schaft selbst betrof­fen waren. Weder Sie noch Stu­die­ren­den sind bezüg­lich Ihrer Situa­tion an uns her­an­ge­tre­ten. Dies wäre eine Option gewe­sen. Des Wei­te­ren war die Basis­de­mo­kra­ti­sche Fach­schaft Sozi­al­wis­sen­schaf­ten bezüg­lich Ihrer Stelle aktiv, als wir von der Kün­di­gung Ihrer Stelle letz­tes Semes­ter erfuh­ren. Ihre Behaup­tung ist somit unbegründet.

    Unse­res Wis­sens nach ist Ihr Fall ein grund­le­gend ande­rer als der von Jan Lohl und Sebas­tian Win­ter, da bei Ihnen ein juris­ti­sches Pro­blem vor­lag, bei dem eine Eini­gung erzielt wurde. Wenn sich in die­ser Ange­le­gen­heit etwas geän­dert haben sollte, so kön­nen Sie uns gerne wei­tere Infor­ma­tio­nen zukom­men las­sen. Auf die­sem Wege kön­nen wir Ihren Fall mit in unsere For­de­run­gen und Argu­men­ta­tion aufnehmen.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen,
    Basis­de­mo­kra­ti­sche Fach­schaft Sozialwissenschaften

  3. Sehr Koch,

    der stu­den­ti­sche Pro­test rich­tet sich gegen die Abschaf­fung der kri­ti­schen (!) Sozialpsychologie.

    Mit Grü­ßen, Herbert

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